„Wilde Tiere“ und ihre Rückkehr in den Spessart

06.11.2015

Einst ausgestorbene Tierarten finden den Weg zurück in den Spessart. Dass dieses Thema die Menschen bewegt und interessiert, dachte sich der Landschaftspflegeverband Main-Kinzig-Kreis und lud zu dem Vortrag „Wilder Spessart“ in das erst kürzlich eröffnete Schaufenster Spessart im Schafhof nach Burgjoß ein. Aber bereits die vielen Anmeldungen im Vorfeld sprengten alle Erwartungen. So musste die Veranstaltung kurzfristig in das Dorfgemeinschaftshaus verlegt werden, um den rund 90 Gästen  ausreichend Sitzplätze bieten zu können.

Babara Fiselius, Geschäftsführerin des Landschaftspflegeverbandes, freute sich, dass für diesen Abend einen absoluten Fachmann gewonnen werden konnte: Dr. Karsten Nowak ist Leiter des Fachgebietes Naturschutzgenetik in der Außenstelle des Senckenberg Forschungsinstituts in Gelnhausen. Gleich zu Beginn zeigte Nowak das Artenspektrum an großen Säugetieren, das eigentlich in unseren Wald gehört, denn: „Europa ist nicht artenarm, sondern wurde artenarm gemacht!“ Neben Biber, Luchs, Wolf, Wildkatze und Fischotter, zählten auch Wisent, Braunbär, Auerochse und sogar der Elch zu den heimischen Tieren. „Der kärgliche Rest, der uns schließlich geblieben ist der Rothirsch, das Reh, das Wildschwein, der Fuchs und der Dachs“, so Nowak. Für die Menschen von heute sei dies der „Normalzustand“ und eher befremdlich, wenn Tiere, die noch vor wenigen Jahrhunderten dazugehörten, plötzlich wieder auftauchten.

Das Senckenberg Forschungsinstitut ist spezialisiert auf Forensische Wildtiergenetik und untersucht  die Besiedelung der einst ausgestorbenen Tierarten.  Täglich treffen in Gelnhausen Proben von Haaren, Kot und Speichelresten der Tiere ein, deren DNA (Erbsubstanz der Zellen) bestimmt werden muss.

In seinem Vortrag nahm Dr. Carsten Nowak die einzelnen „Rückkehrer“ unter die Lupe. So zum Beispiel den Biber, der im  18. Jahrhundert ausgerottet wurde. Aber nicht, wie viele denken würden, als  Schädling, sondern als Nützling. „Sein wärmendes Fell war heiß begehrt und ebenso sein Fleisch als Fastenspeise, weil er den Fischen zugeordnet wurde“, erklärte Nowak. 1987/88 wurden Elbe-Bieber an sechs Standorten in Hessen ausgewildert, unter anderem auch am Willingsgrundweiher in Biebergemünd und an der Jossa. Mittlerweile rückt der Biber aus ganz Europa ein. Auch wenn er nicht überall gerne gesehen würde, sei er durchaus nützlich: „Er erhöht die Biodiversität dramatisch, so dass viel Geld für Renaturierungsmaßnahmen gespart werden kann.“

Ebenfalls in den Spessart zurückgekehrt ist der Fischotter, der mittlerweile laut Nowak an drei Standorten gesichtet wurde, und bekannt dafür ist, dass er sich bevorzugt von kranken und schwachen Tieren ernährt, also keine große Gefahr darstelle. „Er benötigt ein Kilogramm Fisch am Tag – für fischreiche Gewässer sehe ich hier keine Probleme. Da holt sich der Kormoran um einiges mehr“, berichtete Nowak. Die Besucher kamen dann in den Genuss, an einer unverwechselbaren Kotprobe des Fischotters zu schnuppern.

Auch die Wildkatze galt bis vor zehn Jahren als ausgestorben. „Unter Schirmherrschaft von Bernhard Grzimek wurde sie 1980 in Bayern ausgewildert,  ab 1996 gab es dann Sichtungen im Jossgrund, in Biebergemünd, Bad Orb und in Lanzingen“, erzählte der Referent. Zu erkennen sei sie an ihrem dichtbuschigen Schwanz und unterscheide sich von Hauskatze mit einem längeren Darm und einem größeren Gehirn. Das Senckenberg Institut habe mit der Lockstockmethode, bei der sich das Tier an einem mit Duftstoffen präparierten Stock reibt, umfassende Untersuchungen betrieben,  um nachzuweisen, dass es die reinrassige Wildkatze noch gibt. „ Lediglich 2,4 Prozent aller nachgewiesenen Wildkatzen sind Hybriden“, verrät Nowak.

Schwer nachzuweisen sei dagegen der Luchs,  da er riesige Reviere bewohne. „Für den Luchs ist der Spessart einfach zu klein, hier wird es von ihm nie viele Exemplare geben“, so Nowak. Da der Luchs seinen Kot sehr gut verstecke, sei es schwierig, Spuren von ihm zu finden. In Forscherkreisen trage er auch den Namen „Phantomluchs“.

Dann rückte schließlich die spannendste Gattung der „wilden Tiere“ in den Focus: der Wolf, der in diesem Jahr bereits für große Aufregung im Spessart sorgte. Wurde doch im Frühjahr ein überfahrenes Weibchen unbekannter Herkunft auf der Autobahn in der Nähe von Bad Soden-Salmünster gefunden. Und nur wenige Wochen später ein Wolfsrüde in der Nähe von Frankfurt, der aus einem Rudel aus Niedersachsen stamme. „Bis 1991 gab es definitiv keine Wölfe in Deutschland. Erst im Jahr 2000 wurde das erste Wolfspaar in der Lausitz gesichtet“, so Nowak. Mittlerweile konnten 31 Rudel, also Wolfsfamilien, und  vier Paare nachgewiesen werden. Verlassene Truppenübungsplätze in der Lausitz würden die perfekte Lebensbedingungen für den Wolf bieten, der von Polen, Russland und auch aus dem Baltikum einwandere. Und die Sorgen einiger Menschen seien durchaus berechtigt, meinte Nowak: „Der Wolf kommt nicht ohne Probleme daher!“  Es habe schon vereinzelt Fälle gegeben, wo er bis zu 20 Tiere gerissen hätte. Im Senckenberg Institut seien alleine in diesem Jahr schon über 1000 Wolfsproben eingegangen. Anhand dieser Proben könne festgestellt werden, woher die Tiere  stammen.  Fakt sei jedenfalls, dass die Wölfe selbst eingewandert seien und nicht, wie manche Menschen vermuten würden,  von Umweltschützern ausgewildert worden seien. Da es sich deshalb bei Schafsrissen durch den Wolf um ein „natürliches Phänomen handele, gäbe es noch keine richtige Antwort auf die Frage, wer für Schadensersatz zuständig ist. Aus diesem Grund bereite man sich in Hessen mit einem Managementplan auf die Rückkehr des Wolfes vor. „Bei Schafsrissen müssen Betroffene den behördlichen Weg gehen, sich an das Servicezentrum für Forsteinrichtung und Naturschutz in Gießen (FENA) wenden. Wenn es bestätigt wird, dass die Risse durch den Wolf verursacht wurden, ist eine Kompensationszahlung möglich“, klärte Dr. Karsten Noack auf.

So waren auch die Stimmen aus dem Publikum meist zustimmend: Es sei für Natur und Mensch wichtig, dass die einst ausgestorbenen Tiere zurückkämen. Berufsgruppen wie Schafhalter, die sowieso bereits wirtschaftlich kämpfen müssten, dürften allerdings darunter nicht leiden. Die Diskussion im Anschluss an den Vortrag verlief außerordentlich sachlich und ruhig.